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21.04.2026
Treffen des Regionalkreises Berlin-Brandenburg am 12. April 2026 – Ein Besuch der Sonderausstellung Musikautomaten im Museum Pankow
Am frühen Sonntag-Nachmittag traf sich eine Gruppe von Berlin-Brandenburgischen DGClern im Herzen Berlin’s, um die spannende und unterhaltsame Sonder-Ausstellung zu besuchen. Obwohl das Ensemble des heutigen „Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner“ auf 125 Jahre Geschichte zurückblickt, war es selbst mir als langjährig um die Ecke Wohnender unbekannt. Erbaut als doppelte Schule (je eine separat für Knaben und Mädchen) in Berlins Boomjahren Ende des 19. Jahrhunderts fungierte es bis vor 30 Jahren als Schuleinrichtung. Dann begann die Nutzung durch eine Bibliothek, eine Volkshochschule sowie schlußendlich durch das Museum Pankow.
Seit 2023 erzählt eine Sonderausstellung »Musica di strada« die Geschichte und Hintergründe der Migrationswanderung von Italiener*innen ab Mitte des 19. Jahrhunderts, auf der Suche nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen. Ein Ziel war die wachsende Metropole Berlin, wo sich die Ansiedlung der Italienerinnen auf den Prenzlauer Berg konzentrierte. Mit ihren besonderen Handwerkskünsten und Berufen prägten sie den Ortsteil über Jahrzehnte.
Und genau wegen der mechanischen Zeugen dieser Zeit besuchten wir das Museum und konnten in rasant verfliegenden zwei Stunden viele mechanische Musikautomaten bestaunen und deren Live-Vorführung lauschen.
Bis auf ein Objekt aus dem Besitz des Pankower Museums sitzen die meisten hier als Gäste die langjährige Umbauzeit des Märkischen Museums ab und bieten diesen ungewöhnlichen, historischen Zeitausflug.
Der unglaublich sympathische Guide – herrlich zeitgemäß mit weißem Rauschebart in Frack mit Zylinder gekleidet – erzählte nicht nur am laufenden Band unterhaltsame Anekdoten und Anekdötchen über die Objekte, die Erfinder und Hersteller, die damaligen Zeiten und die Einsatzszenarien für die Automaten, sodaß immer wieder lebhaft historische (Berliner) Szenen vor unserem inneren Auge entstanden, sondern führte auch die meisten Automaten live vor.

Besonders spannend war für unsere Gruppe natürlich das Mechanische dieser Musikautomaten, das vom unglaublichen Erfinderreichtum der Menschen erzählte und zeigte, wieviel unterschiedliche Handwerkskünste bei der Konstruktion und dem Bau solcher Automaten zusammenkamen. Dafür arbeiteten Musiker mit Uhrmachern und anderen feinmechanisch Erfahrenen zusammen und wurden ergänzt mit Handwerken der Holz-, Metall-, Stoff- und Lederbearbeitung. Wir hatten Gelegenheit, hinter die Deckel und Klappen der Geräte zu schauen und technische Konstruktionsdetails zu erfahren, zu bestaunen und zu diskutieren .

Auch wenn die Hervorhebung bei so vielen unterschiedlichen Automaten und mechanischen Ideen schwerfällt, zwei seien genannt: ein kleiner Käfig mit 2 Vögeln darinnen (kleiner als ein Schuhkarton), die sich bewegten, zwitscherten und tirilierten, dass man fast dem Eindruck erlag, sie wären echt. Am anderen Ende der Größenskala lauschten wir Offenbach-Operetten aus dem schrankgroßen Orchestrion „Fratihymnia“, das eine Lautstärke erzeugte, welche einige Teilnehmer ehrfürchtig (und gehörschützend) ein paar Schritte zurückweichen ließen. Dazwischen sahen und hörten wir diverse Drehleiern, selbst spielende Klaviere (Pianolas), Lochplatten-Spielwerke, Organette und weitere Walzenspielgeräte unterschiedlicher Größe.

Als Sahnedrops auf der „Ausstellungstorte“ durften die Teilnehmer zum Schluß selbst eine der historischen Drehorgeln zum Klingen bringen.
Bei der abschließenden Kaffeerunde in einem der zahlreichen Restaurants der Umgebung rekapitulierten wir unter anderen die entdeckten horologischen Aspekte der Musikautomaten: der Einsatz von (größeren) Aufzugsfedern als Energiequelle in Kombination mit Kurbeln, Rubine als Achsenlagerung, Fliehkraftreglern, Einsatz von Gewichten als Zugkraft, und das Setzen der Tonsteuerelemente auf Walzen, die sich – wie im Uhrenbau – in der Größenordnung des menschlichen Haares bewegten und gleiche Präzisionsanforderungen erfüllen musste. Diese Ausstellungsreflexion ging dann fließend über in Betrachtung und Diskussion zu mitgebrachten Uhren der Teilnehmer.
Als sich alle am frühen Abend aus dem Prenzlauer Berg verabschiedeten, sahen wir ihn mit anderen Augen, nun die Geschichte der Bagicalupos, Cocchis, Graffignas, Fratis, Pascottos und ihrer ca. 250-köpfigen italienischen Gemeinschaft rund um Schönhauser und Pappelallee kennend, die Berlin von gut 100 Jahren zum Weltzentrum des Drehorgelbaus machten und nebenbei ihre kulinarischen Traditionen von Pizza, Pasta und der Eismacherei mitbrachten. Die Sonderausstellung schließt am 21. Juni 2026 nun endgültig nach mehreren Verlängerungen. Informationen zur Ausstellung, Öffnungs- und Vorführzeiten findet man auf der entsprechenden Webseite des Stadtmuseums.
(Marian Rolke, für den RK Berlin-Brandenburg)
