61. Regionalkreistreffen am 31.01.2010
Ein Rückblick auf die Rekonstruktion der 5-Minutenuhr der Semperuhr in Dresden
Ski und Rodel: gut. Beim ersten Treffen im Jahr fällt den Münchner Regionalkreismitgliedern die Entscheidung für die Teilnahme schwer, knapp 30 Uhrenfreunde entschieden sich dennoch für den Vortrag von Hr. Ferner.
Herr Strehlow eröffnet das Treffen und begrüßt Hr.Stadl, den Präsidenten der DGC und den Refenrenten, Hr.Dipl.-Ing. Klaus Ferner.
Vor dem Vortrag gab es noch einen kleinen „Nachtrag“ von Hr.Stadl, der sich beim letzten Treffen offiziell aus der Leitung des Regionalkreises verabschiedet hatte. Dabei bedankte er sich bei allen Mitgliedern, die sich während des 10-jährigen Bestehens des Regionalkreises besonders eingebracht hatten. Zwei davon fehlten beim letzten Treffen, waren diesmal jedoch dabei und wurden mit einer kleinen Ansprache und einer Flasche Sekt bedacht.
Hr. Stadl gibt auch einen kurzen Überblick zum Stand des neuen Internetauftrittes der DGC, der ab ca. März unter der gleichen Adresse, aber mit wesentlich mehr Informationen abrufbar sein wird. Unter anderem werden Regional- und Fachkreise z.B. deutlich mehr Möglichkeiten haben, sich darzustellen und auf Ihre Aktivitäten hinzuweisen.
Die Jubiläumsuhr zum 50-jährigen Besten der DGC wird im aktuellen Design vorgestellt. Die Uhren werden im Februar bestellt und können für die Regionalkreismitglieder wohl beim nächsten oder übernächsten Treffen ausgeliefert werden.
Doch nun zum Vortrag Herrn Ferners:
Einleitend gibt Hr. Ferner einen Überblick zur Geschichte der Turmuhrenwerkstatt, die er seit 1974 leitet. Die Firma blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Sie entstand aus einer Schlosserei Wilhelm August Fischers Mitte des 19. Jahrhunderts. Sein Sohn, Otto Fischer, gründet die Turmuhrenfabrik. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein firmiert die Werkstatt unter dem Namen Turmuhren-Fischer, trotz wechselnder Besitzer. Eine Spezialität dieser Werkstatt ist der Bau von Glockenspielen mit Glocken aus Meissener Porzellan.

1838 begann Gottfried Semper den Bau des ersten königlichen Hoftheaters in Dresden. Bei der Eröffnung des Theaters in 1841 fiel den Besuchern bereits eine über der Bühne installierte Uhr auf. Diese zeigte digital in einem Fenster die Stunden und in einem zweiten Fenster die Minuten in 5-Minuten-Sprüngen an. Erbaut wurde diese Uhr von Johann Christian Friedrich Gutkäs. Wahrscheinlich wurde eine digitale Anzeige gewählt, weil die Zeigerbewegung einer analogen Uhr die Zuschauer zu sehr vom Bühnengeschehen abgelenkt hätte.
Vor dem Bau der Uhr hat Gutkäs verschiedene Überlegungen angestellt. Um eine gute Sichtbarkeit der Ziffern vom Zuschauerraum zu gewährleisten, mußten die Ziffern eine Fläche von mindestens 25 mal 25 cm ausfüllen. Sollten alle Minuten angezeigt werden, wäre eine Ziffernscheibe riesig geworden. Er hat sich für jeweils 12 Schaltschritte entschieden und konnte damit die Stunden und alle 5-Minuten-Schritte auf baugleichen Skalentrommeln anzeigen. Der Durchmesser der Trommeln lag bei 1,60m und ließ damit ca. 40cm hohe Zahlen zu. Diese Uhr wurde zerstört, als das Gebäude 1869 einem Brand zum Opfer fiel.
Für die „zweite“ Semperoper wurde eine Uhr nach Vorlagen Gutkäs´ von dessen Schüler Ludwig Teubner konstruiert und gebaut. Teubner hat dazu sowohl Elemente des traditionellen Turmuhrenbaus wie auch der herkömmlichen Uhrmacherei verwendet
Beide Uhren, sowohl die erste wie auch die zweite, verfügten über ein Turmuhrwerk, das sich zwischen den beiden Anzeigetrommeln befand. Aufgrund der baulichen Gegebenheiten hatte dieses Werk nur eine kurze Laufdauer aufgrund der geringen Fallhöhe der Antriebsgewichte. 1912 wurde deshalb ein Uhrwerk mit Sekundenpendel außerhalb der Anzeige angeordnet, um eine längere Gangdauer von einer Woche zu erreichen.
1928 wurde von Felix Schmidt im Opernhaus eine elektrische Uhrenanlage eingebaut. Die Fünf-Minuten-Uhr wurde nach dieser Umbaumaßnahme wie eine Nebenuhr elektrisch angesteuert. In diesem Bauzustand versah die Uhr ihren Dienst, bis sie im Februar 1945 im Bombardement Dresdens vollständig zerstört wurde.
Der Wiederaufbau der Semperoper begann 1977. Die Fa. Turmuhrenbau Ferner erstellte dazu eine Studie als Grundlage zur Rekonstruktion der Uhr. Als historisch bedeutsam stellte Hr. Ferner den Antrieb der Anzeige und die digitale Anzeige selbst heraus; praktisch das Zeigerwerk. Der Antrieb konnte auf zeitgemäße Art elektrisch erfolgen.
Als Basis für die Rekonstruktion dienten ein Funktionsmodell, das Ludwig Teubner nach der „zweiten“ Uhr geschaffen hatte, und persönliche Gespräche zwischen Hr.Ferner und Felix Schmidt, der die Uhr in der Semperoper bis 1945 betreute. Das Funktionsmodell, das auch im Mathematisch-Physikalischen Salon ausgestellt war hat etwa ein Zehntel der natürlichen Größe und war aufgrund der vielen Einschränkungen, der ein solches Modell unterliegt nur bedingt als Vorlage zu verwenden. Der funktionelle Aufbau des Modells und, insbesondere, die Gestaltung der Ziffern auf den Anzeigetrommeln waren allerdings sehr hilfreich.
Felix Schmidt war, als die Rekonstruktion in Angriff genommen wurde, bereits sehr alt und fast erblindet. Er konnte jedoch viele Details beschreiben und auf konstruktive Mängel der „zweiten“ Uhr hinweisen. Der Aufbau des Werkgestells war wohl recht instabil, so daß Schmidt während Opernaufführungen zur Sicherheit bei der Uhr bleiben mußte um ein eventuelles Stehenbleiben während der Aufführung zu verhindern. Dieser Umstand wurde z.B. bei der Rekonstruktion berücksichtigt und mit dezent eingebrachten Versteifungen behoben.
Die Firma Ferner wurde nicht, wie vom Zuhörer vermutet, über eine Ausschreibung gefunden, sondern durch Auswahl der zuständigen Handwerkskammer nach einer Anfrage des VEB-Gesellschaftsbau-Dresden; der Aufbauleiter, Herr Jeschke, wollte unbedingt wieder eine funktionsfähige Uhr nach altem Vorbild eingebaut haben. Die Handwerkskammer suchte eine geeignete Firma nach Können und Erfahrung aus. Auftragssummen spielten eine untergeordnete Rolle, denn die Bezahlung war staatlich geregelt.
Die Wiederherstellung der 5-Minuten-Uhr der Semperoper erfolgte ausschließlich unter den Bedingungen der handwerklichen Fertigung. Alle für die Uhr notwendigen Teile wurden in der Firma Ferner gefertigt oder durch die Firma in Auftrag gegeben. Für das Design der Einzelteile, wie Räder, Rahmen, Klinken, etc. orientierte Hr. Ferner sich an Vorbildern aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit herrschte eine klare Linienführung vor mit nur untergeordneten kleinen Schmuckelementen. Die Rahmenteile, die alle Lagerungen aufnehmen, sind aus Grauguß. Wie bereits erwähnt waren die Originale der „zweiten“ 5-Minutenuhr nicht übermäßig stabil. Deshalb wurden bei der Rekonstruktion extra seitliche Stützen eingeführt. Damit gelang ein statisch stabiles, auf dem Grundrahmen abgestütztes Fachwerk, in dem sich die Anzeigetrommeln und das Fortschaltwerk sicher bewegen konnten.
Die Anzeigetrommeln sind jeweils ca. 1,60m im Durchmesser. Vom Zuschauerraum aus gesehen befindet sich die Stundentrommel mit römischen Ziffern auf der linken Seite und bewegt sich von unten nach oben, die Trommel mit den 5-Minuten-Markierungen ist auf der rechten Seite und bewegt sich von oben nach unten. Als Besonderheit bei den 5-Minuten-Markierungen erscheint zur vollen Stunde keine Zahl sondern eine leere Fläche. Die Trommeln bestehen jeweils aus einer dreiteiligen Stahl-Nabe, zweimal 12 Stahl-Speichen sowie den Alu-Stegen, die die Speichenenden verbinden. Zwischen den Stegen befinden sich dann die 12 Platten, auf denen die Stunden-, bzw. 5-Minuten-Angaben stehen. Sorgfältige Fertigung führte zu einer Durchmesserabweichung von unter 1mm und einer sehr geringen Unwucht, die ausgeglichen werden konnte. Die Anzeigetrommeln der „zweiten“ 5-Minuten-Uhr waren dagegen aus Holz und entsprechend wackelig.
Die Fortschaltwerke sowohl der 5-Minuten-Trommel wie auch der Stunden-Anzeige funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Unabhängig von der Position der jeweiligen Trommel wird über fünf Minuten (bzw. einer Stunde) ein Gewichtsarm angehoben der am Ende dieser Strecke ausgelöst wird, in die Trommel einkuppelt, und durch sein Gewicht die Trommel in die nächste Position schaltet. Die Rotationsenergie der Trommel ist dabei beträchtlich und muß in andere Energieformen überführt werden, um ein ruckartiges Anschlagen der Trommel in der nächsten Schaltposition zu vermeiden und damit ein evtl. Stehenbleiben der Uhr zu verhindern. Hr. Ferner und seine Mitarbeiter haben dies so gelöst: Die Schaltbewegung wird über eine Reibradpaarung abgebremst und die restliche Energie beim Anschlag in die nächste Schaltposition auf ein Pendel übertragen. Durch diese empirisch optimierten Maßnahmen geht der Schaltvorgang zügig und für das Theaterpublikum geräuschlos vonstatten.
Der Zugang zur Uhrenstube glich einem Hindernislauf; Hr. Ferner sprach von Spindeltreppen, Podesten, engen Türen und winkeligen Gängen. Die in der Werkstatt Ferners zur Erprobung aufgebaute Uhr mußte also fast komplett zerlegt und in der Uhrenstube wie ein Puzzle wieder aufgebaut werden.
„Dies ist jetzt 25 Jahre her und ich bin mir sicher, in Ihrer aller Namen zu hoffen, daß die 5-Minuten-Uhr in ihrer kuriosen Weise dem Besucher der Semper-Oper noch viele friedliche Jahre lang die Zeit zeigt und uns allen das Schicksal vom Februar 1945 erspart bleibt.“ Damit beendet Hr. Ferner seinen Vortrag und wird durch einen langen Applaus vom Publikum und einem Getränk vom Regionalkreis zur Regenerierung seiner Stimmbänder beschenkt.